Paul Seilers ZARAH LEANDER Archiv

roter Pfeil A R C H I V 1942-45 - 23

Bilder, Fotos, Zeitungsausschnitte etc. aus den Jahren 1942-45




 
 
 
Vecko-Journalen Nr.15 Schweden                                 Sonntag, den 9.April 1944
 
                    Zarah Leander als Gutsbesitzerin
Wenn sie Bildhauer wäre, müsste sie sofort Marmor bearbeiten, so ein willensstarker Mensch ist die Herrin auf Lönö
     Man sagt, dass der Unruheteufel das Theatervolk antreibt, sodass es sich nie zur Ruhe setzen und ein verhältnismäßig bürgerliches Privatleben führen kann, wie angenehm es auch ist. Aber Zarah Leander scheint alle Regeln zu widerlegen. Besucht man sie in ihrem wundervollen Lönö, findet man in diesen Tagen einen harmonischen, ruhigen und vollkommen glücklichen Menschen, der plötzlich entdeckt hat, dass auch das Landleben seinen Reiz hat, dass es angenehm ist, sich nach anstrengenden Arbeitsjahren   -   sieben Revuen und sieben (elf, meint Paul Seiler) großen Filmen   -   gründlich auszuruhen. Eine Zeit, in der sie es kaum geschafft hat, an ihre persönliche Behaglichkeit zu denken. Obwohl sie viel gereist ist und viel von dieser Welt gesehen hat, ist sie klug genug zu erkennen, dass ihr noch so manches an Weisheit und Wissen fehlt. Also verschlingt sie Bücher, vertieft sich in Sachen, die sie vorher nur dem Namen nach gekannt hat und schämt sich gar nicht, diese Situation zuzugeben. Es ist etwas Offenes und Kühnes um Zarah Leander, wenn man sie hier so im Naturzustand trifft. Die Diva ist von ihr abgefallen wie ein altes unmodernes Kleid, das in den Kleiderschrank eingeschlossen wird, zusammen mit hundert Roben, Hüten und Pelzen, die bestätigen, dass in dem Haus eine Filmprimadonna vom Festland wohnt.                                       
    In diesem Winter und Frühjahr kann also Zarah Leander zum ersten Mal alles das  genießen, was sie für sich und ihre Familie erarbeitet hat. Aber der kennt Lönös Herrscherin nicht, der glaubt, dass sie deshalb mit den Händen im Schoß dasitzt, vielleicht ein Buch in der einen Hand und eine Schokoladedose in der anderen. Zarah Leander ist auch privat eine an allem interessierte Frau, die sich nicht darauf beschränkt zuzusehen, was auf dem Gut geschieht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, Kapitänleutnant Vidar Forsell, der sich um die eigentliche Landwirtschaft kümmert, hält sie alle Fäden, die das Gut betreffen, in ihrer Hand. Er ist mit Leib und Seele bei der mit mancherlei Sorgen verbundenen Arbeit im Büro des Guts und teilt die Einzelheiten untereinander auf. Das heißt jedoch nicht, dass sie nur den Tisch deckt und Blumen in Vasen verteilt, obwohl sie auch diese Kunst vorzüglich beherrscht. Nein, sie ist von morgens bis abends mit allem Möglichen sehr beschäftigt   -   klemmt sich der Schmied auf dem Gut den Daumen ein, ist sie es, die einen Verband anlegt. Das ist keine Lüge, denn der Schmied hat selbst davon gesprochen. Soll der Hengst in einen Zuggaul verwandelt werden, so ist es sie, die das Pferd am Halfter hält. Liegt die Kuh sozusagen im „Kalbswochenbett“, kümmert sie sich um das Tier, bis der Tierarzt es schafft vorbeizukommen. Die Majorin auf Ekeby hätte diese späte Inkarnation gewiss nicht getadelt. Und es ist kein Theater, wenn Zarah Leander sagt, sie habe gerade jetzt in ihrem Leben so manche neuen Werte entdeckt. Vor allem hat sie es geschafft, durch häufige nette Mithilfe auf dem Gut bekannt zu werden.
     Der Zufall wollte es so, dass wir Zarah Leander ausgerechnet an ihrem Geburtstag besuchten, als sie ihr erstes Kaffeekränzchen für das Gutspersonal zu Hause innerhalb der eigenen Wände gab. Eigentlich war unsere Abmachung, schon einen Tag vorher zu kommen, um zusammen Strömlinge zu fischen. Lönö hat bekanntlich die größte Strömlingsfischerei in der Gegend. Die ersten frostigen Winter während dieses Krieges brachten jedes Jahr über 200.000 Kilo Fisch ein, damit bezahlte man, im Großen und Ganzen gesehen, das Gut! Aber diesen Winter schlug alles völlig fehl. Das Eis trug nicht länger als eine Woche, und ausgerechnet da hatten wir uns auf den Besuch geeinigt. Als wir in Lönö ankamen, ähnelte das Eis eher einem Klebstoff als einem blanken Spiegel. Da hätten wir beim Hinausfahren in einem Schlitten großen Schaden an den Strömlingsnetzen angerichtet.
   Es ist keine Reklame, dass wir uns als Zeugen weder beim Kaffeekränzchen noch beim Feuer trafen, das beinahe die ganzen Festlichkeiten der Tage verdorben hätte. Die Leute haben ja so eine eigenartige Fähigkeit, Dinge zu verdrehen. Sie glauben, dass Filmprimadonnen eine Scheune in Brand stecken, damit die Journalisten darüber in den Zeitungen schreiben! Aber dramatisch war es in diesen Tagen zweifellos.
    Der Geburtstagsmorgen begann so traditionsgemäß wie möglich mit einem ans Bett gebrachten Kaffee. Die große Posttasche für Lönö neigte sich etwas zur Seite und eine Unmenge von Glückwunschbriefen und Päckchen fiel auf das Seidenplumeau. Die Leute vom Gut schickten ein großes schönes Blumenbukett herauf, aus der Stadt geholt, was  ein besonderes Täuschungsmanöver ist, wenn man auf dem Land wohnt und es hier ein Gewächshaus gibt - wunderlich genug bei diesem vollkommenen Anwesen. Dann verschwanden wir hinunter in die Küche, um letzte Hand an die Sahnetorte zu legen, so in Richtung auf einen Quadratmeter Flächeninhalt zu, und dann an alle sieben Sorten Kleingebäck, die bei einem richtigen Landkaffeekränzchen nicht fehlen dürfen. Im Speisezimmer wurde für ungefähr zwanzig Gäste gedeckt, lauter Weibsbilder vom Gut - mit Meißner Porzellan , bestem Silber und feinster gestickter Tischwäsche. Die auf dem Gut arbeitenden Leute sollten genauso geehrt werden wie alle anderen Gäste. Aber gerade, als alles fertig und bereit war, da passierte es! Das Telefon hatte den ganzen Morgen geklingelt und Zarah Leander war völlig beschäftigt gewesen, sich zwischen dem Tischdecken um alle Gratulanten des Guts zu kümmern. Da klingelte es wieder. „Das nächste Glückwunschtelegramm “, scherzten wir. Aber in diesem Augenblick stürzte die Frau des Hauses heraus und raufte sich entsetzt die feuerroten Haare: „Es brennt in der großen Scheune!“ Alle Hausangestellten rannten schreckerfüllt hinunter zu den Wirtschaftsgebäuden. Aus der Scheune, die die Höhe von vier Wohnungen hat, stieg eine bedrohliche Rauchwolke auf. Im Kuhstall neben dem Heuboden, wo es brannte, standen zwanzig, dreißig Kühe und Wand an Wand mit ihnen  waren die Pferde untergebracht. Was sollte geschehen? Wer Zarah da sah, hatte großen Respekt vor ihrer Entschlossenheit. Ohne Gejammer hörte man sie rufen: „Bildet eine Kette!“ Und alle Leute auf dem Gut, Frauen und Männer, fingen damit an, Wasser aus dem Viehteich weiterzureichen, der zum Glück vier, fünf Meter vom Brandherd entfernt lag. Feuer in der Nähe von trockenem Heu, da gibt es keine Möglichkeit zu löschen, besonders dann, wenn bereits die Holzwand brennt. Aber die Leute bissen die Zähne zusammen und gingen zum Angriff auf den Brandherd über. Einige Männer kletterten auf eigene Faust hinauf , wo es unter ihren Füßen einige Meter entfernt brannte, und schütteten Wasser in Eimern von oben hinunter. Andere versuchten, die Wand einzureißen, um von außen an den Brandherd zu kommen. Aber nichts schien zu helfen, der Rauch drohte diejenigen, die drin waren, zu ersticken. Die große Klappe zur Einfahrt in den Heuboden wurde mit Getöse heruntergelassen, um Luft zu bekommen. War das richtig? Zarah Leander biss die Zähne zusammen, während sie im Schlamm stand, schmutzig bis hinauf zu den Knien, und Eimer weiterreichte, hin und zurück, volle und leere. Was würde ihr Mann sagen, den man zum Militär eingezogen hatte? Das war ihre große Sorge, fast größer als die, was sie selbst tun sollte, wenn die Scheune als Aschenhaufen dalag und die Tiere nicht gerettet werden konnten. Nun brach einer der Männer durch das Eis auf dem Teich, aber es gelang ihm, sich aus eigener Kraft zu retten. Nur Eimer, die gingen und kamen. Aus der Scheune qualmte es, als ob das der Beginn eines Vulkanausbruchs wäre. Die Feuerwehr kommt auf dem Land nicht so wie in der Stadt. Ihre Mitglieder werden erst von Acker und Wiese geholt. Man brachte die Feuerspritze im Eifer des Gefechts nicht einmal aus dem Schuppen heraus. Es dauert in jedem Fall eine Stunde, ehe sie funktioniert, und hier drehte es sich um kostbare Minuten. Ja, durch das Ausnutzen jeder Sekunde gelang es tatsächlich, dem Feuer Herr zu werden. Die Wand des Kuhstalls krachte unter den Hieben nieder, Männer schwangen Heugabeln und warfen die brennenden und die verkohlten Heumassen hinaus auf den schlammigen Weg, und sogleich schütteten bereitwillige Arme neue Wassermassen auf den Brandherd, der drinnen übrig blieb. Das Feuer erhielt keine Chance und eine halbe Stunde später war es gelöscht, wirklich alles schwarz und die Lage gerettet.
     Das war also eine mehr als gewöhnlich aufgeräumte Schar von Geburtstagsgratulanten, die sich ein wenig später um den Kaffeetisch im Hauptgebäude versammelte. Als sie vom Brandplatz kamen, sahen mehrere von ihnen aus, als hätten sie sich im Lehm gewälzt, auch die Weibsbilder, aber jetzt erschienen sie sauber und fein im besten schwarzen Sonntagsstaat, mit kleidsamen Schultertüchern unter dem Kinn. Da ist etwas Besonderes an den Leuten von Lönö, nicht nur die Anschrift. Wer Morsan, die Ehefrau des Schmieds, über die Eisenbahnfahrt sprechen hört, begreift übrigens, dass sich auch unter den Leuten Lönös gar nicht wenig Schauspielertalent versteckt. Sie spielte die gar zu liebe Naive, als sie dort im Goldlederfauteuil saß und über die drei Klassen in der Bahn und im Leben sprach. Hier auf Lönö bemerkte man natürlich sehr wenig von den unterschiedlichen Umgangsweisen , denn hier waren die Frau des Gärtners und die Frau des Fischers genau so willkommen wie die Größen der Bühne und aus der Gesellschaft. Dank des guten Humors der Gastgeberin und der wärmländischen überschwänglichen Gastfreundschaft fühlten sich alle gleich zu Hause, auf den vergoldeten Hockern im Salon, unter den Meisterwerken von Jordaens und Vos an den Wänden, so als wäre das ihr Alltagsmilieu.
Aber Zarah Leanders Fürsorge um ihre Gutsbediensteten beschränkt sich nicht darauf, sie zum Kaffee einzuladen. Sie hat auch an die Alltagszerstreuung der Leute gedacht und in einer alten Molkerei ein Kasino eingerichtet, das sich jederzeit mit dem Klublokal einer Großstadt messen könnte. Hier gibt es Radio und Zeitungen, hier wird jeden Sonnabend getanzt und hier wird die Christmette abgehalten, wenn es an der Zeit ist. Es ist ein vorbildliches Versammlungslokal, das sicher ziemlich viele der berühmten unangenehmen Dinge auf dem Land erleichtert. Besonders dann, wenn man demnächst ein Filmvorführgerät im Kasino installieren wird und unter anderem auch die Gutsherrin in all ihrem Glanz anschauen kann. Hier in Lönö ist man daran gewöhnt, sie meist in festen Halbschuhen, im Ulster und mit Sonnenbrille zu sehen. Für die seltenen Stadtbesuche entwickelt sie ihre Primadonnenbegabung in Bezug auf Toilettenluxus und Schönheitspflege. Sie ist in der Tat sowohl innerlich wie auch äußerlich ein neuer Mensch geworden, seit sie sich auf dem Land zur Ruhe gesetzt hat. Mit beinharter Konsequenz hat sie versucht abzumagern. Das Resultat war eine neue Zarah, so eine, wie wir sie einmal in der „Lustigen Witwe“ kannten: schlank, graziös, ausdrucksvoll, lebendig. Setzt sie ihren eisernen Willen in dieser Beziehung wohl nur sich selbst zuliebe ein . . . Zarah Leander lächelt zu dieser Frage:
     „Nichts wäre langweiliger, als mit seinem Leben fertig zu sein und nur noch zu vegetieren. Ich musste ständig tätig sein, auf dem Land oder in der Stadt; es ist mir wichtig das zu sagen. Ja, ich will schon von Zeit zu Zeit, etwa im Frühling, Theater spielen, wenn ich wirklich etwas kriege, das mich interessiert. Das ist für mich ausschlaggebend. Die Bombe, die in mein Berliner Heim einschlug, war für mich gewissermaßen der Abschluss einer Epoche meines Lebens, der Filmepoche. Sie dauerte sieben Jahre. Was in Zukunft wird, weiß ich nicht, ich bin Fatalist und nehme jeden Tag, wie er kommt. Ich habe so hart gearbeitet, dass ich es brauchen könnte, eine Zeit lang so richtig mit einem Motor verbunden zu werden. Wenn Menschen glauben, dass man hier im Leben etwas umsonst kriegt, so täuschen sie sich. Ich weiß es seit langer Zeit. Damals musste ich mich - bildlich gesprochen - selbst an den Haaren hochziehen, um all das, was ich von mir forderte, leisten zu können. Niemals mit sich selbst zufrieden sein, stets weiterarbeiten, das ist auch heute mein Wahlspruch, worum es sich auch immer handeln mag.“
      Stets weiterarbeiten. Wer Zarah Leander kennt, weiß genau, dass ihre Stärke darin liegt, sich nicht nur auf der Bühne oder hinter den Filmkulissen voll einzusetzen. Sie ist ein höchst reeller Mensch und ihre große Lebensleistung liegt vielleicht vor allem zu Hause, wo ihr geglückt ist, für ihre Familie so viel zu tun. Erinnert man sich, als sie - arm wie eine Kirchenmaus - als Debütantin in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Kungsholmen ihre zwei kleinen Kinder zu versorgen hatte, erhält man einen beeindruckenden Überblick. Ihr Wille ist aus Stahl, das ist keine leere Redensart. Wäre sie Bildhauer, sollte sie sich keinesfalls auf Arbeiten in Gips beschränken; mit ihren kräftigen, willensstarken Fäusten müsste sie Marmor bearbeiten.
 
 
Filmjournalen Stockholm am 14. Mai 1944:
42b230a  Zarah besucht auch 1944 in Stockholm Premieren
Übersetzung des obigen Textes:
Kai Gullmar wurde Revuedirektor im Nojesfält,

und nach der Premiere gab es ein Fest im Bellmansrö,

            wo der gut gelaunte Kai der schönen Zarah Leander zutrank.

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Am 20. Juli 1944 meldeten diverse Zeitungen im Reich:
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